In der Munitionsfabrik
Auftakt der Serie ‚The War Machine‘
„In der Munitionsfabrik“ ist ein Bild, in dem ich mich bewusst einem blinden Fleck der öffentlichen Wahrnehmung widme: den Menschen, die im Schatten globaler Konflikte die Infrastruktur des Krieges am Laufen halten. Mich interessiert dabei vor allem die unsichtbare Zone hinter der Front – der Ort, an dem ökonomischer Zwang, industrielle Routine und moralische Ambivalenz ineinander greifen.
Die fiktive Arbeiterin portraitiere ich als konkrete, ernsthafte Präsenz. Ihr Gesicht trägt Spuren von Erschöpfung, Konzentration und stillem Widerstand. In meiner Malweise arbeite ich bewusst mit nüchternen, kühlen Farbräumen und einem rohen, expressionistischen Duktus, der sich gegen die Perfektion und Maschinalität der Produktionsumgebung stellt. Öl ist für mich das geeignete Medium, weil es mich zwingt, langsam zu arbeiten — ein Gegenentwurf zu den schnellen, entkörperlichten Prozessen der Industrie.
Die eingeritzten Textfragmente im Hintergrund – Sätze wie „I work for war“, „They force my hands“ oder „War eats everybody“ – sind Spuren eines inneren Monologs, Fetzen von Gedanken, die nicht ausgesprochen werden (dürfen). Indem ich sie in die Oberfläche kratze, wird die Oberfläche selbst verletzt; diese Geste verbindet das Bild formal mit Traditionen, die mich prägen: der verletzbaren Materialität bei Käthe Kollwitz, der Klarheit sozialrealistischer Positionen des 20. Jahrhunderts, und zeitgenössischen künstlerischen Praktiken, die die Oberfläche als Resonanzraum gesellschaftlicher Spannungen begreifen.
Mich interessiert die Frage nach Verantwortung jenseits moralischer Simplifizierung: Welche Wahl hat jemand, dessen Existenz vom Lohn abhängt? Wie sieht die Realität derjenigen aus, die Produkte herstellen müssen, die sie ablehnen? Und wie lässt sich dieser Widerspruch malerisch sichtbar machen, ohne ihn zu instrumentalisieren?
„In der Munitionsfabrik“ ist damit Teil meiner größeren künstlerischen Auseinandersetzung mit Arbeit, Macht und den Grauzonen menschlicher Handlungsspielräume. Für kuratorische Kontexte bietet das Werk Anschluss an Diskurse über Kriegsökonomie, über die Unsichtbarkeit systemrelevanter Körper und über die Frage, wie Malerei heute soziale Realität zeigen kann, ohne sie zu simplifizieren.
Gerade in dieser Zurückhaltung — im Schweigen zwischen den Linien — liegt für mich die eigentliche Spannung des Bildes.
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